Geldtransfer
Geldtransfer - oder wie klaut man zehn Millionen Euro?
Der neue Roman von Hans-Wolfgang Renz ist fertiggestellt und wird im September diesen Jahres beim Fischer Verlag in Frankfurt erscheinen und als Buch erhältlich sein.
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ISBN 978-3-89950-392-0 € 14,80 (D) SFr 27,50
Inhalt:
Geldtransfer ist bewusst im „Ich“ Format geschrieben, um die Authentizität besonders zu unterstreichen.
Am Bodensee wird Hans – Wolfgang Renz ein illegaler Transfer von zehn Millionen Euro in die Schweiz angeboten. Professionell wird das Projekt angegangen und durchgeführt. Sein Partner wird in Arbon erschossen aufgefunden. Wolfgang will nicht ein zweites Mal mitmachen, doch als er bedrängt wird, beschließt er, es nochmals zu tun und sich die Beute unter den Nagel zu reißen. Er tötet seinen Partner und verschwindet mit dem Geld. Seine Flucht führt ihn über Hamburg, Jamaika Grand Cayman, die Schweiz nach Österreich. Er legt verschiedene falsche Spuren, die ihn über Rumänien nach Wien führen. Er verschafft sich eine neue Identität, um sich schließlich in Südtirol nieder zu lassen. Über ein erneutes Gerücht gelingt es ihm, völlig von der Bildfläche zu verschwinden.
Leseprobe:
Im Clubhaus war schon richtig was los, der Fahrtenleiter hatte ein Fass Bier gespendet, drei weitere standen für die Ausfahrt bereit. „Wolfgang, kannst du ein Fass mitnehmen?“ fragte mich Andreas, der Festwart. „Blöde Frage, antwortete ich, du weißt doch, ich hatte jedes Jahr ein Fass dabei, letztes Jahr sogar zwei,“ knurrte ich. “Ja, das weiß ich doch, aber fragen wollte ich trotzdem,“ meinte mein Gegenüber. „Schenk uns lieber ein Bier ein, das ist übrigens Günther, er segelt dieses Jahr mit mir.“ Andreas schenkte jedem einen Krug voll und fragte: „Weißwürste?“ Ich sah Günther an, der mit dem Kopf nickte. „Zweimal bitte,“ war meine Antwort. Als wir alles hatten, setzten wir uns zu den anderen an den großen Tisch. Das Hauptthema war natürlich die bevorstehende Ausfahrt und die Regatta am vergangenen Wochenende. Mit Günther redete niemand, was diesem offenbar recht war, denn auch er bemühte sich um kein Gespräch. Nachdem wir beim Clubhaus keine eigene Toilette haben, gehen die Männer immer hinters Haus. Es blieb nicht aus, dass ich nach dem vielen Bier ebenfalls hinters Haus musste. Sofort stand Günther auf und begleitete mich, offenbar hatte er Angst, ich könnte ihm seine Kohle klauen. So gegen elf Uhr begannen die ersten, auf ihre Schiffe zu gehen, auch ich war recht müde und sagte zu Günther: „Ich hab genug, ich geh jetzt in die Koje, du kannst ja noch hier bleiben, das Schiff findest du allemal.“ „Nein, nein“, beeilte er zu sagen, „ich bin ebenfalls müde, ich komme mit.“ Innerlich musste ich grinsen. Es war logisch, dass er mich nicht mit dem vielen Geld alleine lassen wollte, ich hätte umgekehrt ebenso gehandelt. Nachts musste ich zweimal raus. Ich wollte die Bordtoilette nicht verwenden, damit Günther nicht gestört würde, doch dieser erwachte jedes mal und fragte mich was los sei. „Das Bier will raus,“ antwortete ich, ging nach draußen und pisste in den See. Am Morgen waren wir recht früh auf den Beinen. Günther ließ mich nicht aus den Augen, ich hatte den Eindruck, er wäre am liebsten mit mir in den Toilettenraum gegangen. Wir frühstückten ausgiebig, dann wurde das Schiff segelklar gemacht. Meine beiden Jungsegler waren auch erschienen und brachten auf einer Karre ein Fass Bier mit. Wir wuchteten es an Bord und verzurrten es auf dem Vorschiff, direkt über dem Ankerkasten. Dann gingen wir zur Steuermannsbesprechung vor dem Clubhaus. Eigentlich gab es nichts zu besprechen, doch es war ein traditioneller Anlass dieser Ausfahrt, den Tag mit Sekt zu beginnen. Der Fahrtenleiter hielt eine Rede und verkündete eine Änderung der Route: „Leute, bei dem momentanen Starkwind können einige Schiffe Güttingen nicht anlaufen, wir segeln alle durch bis Arbon, mit den Hafenmeistern habe ich schon telefoniert. Ich sah, wie Günther zusammen zuckte und mich fragend ansah. „Kein Problem,“ beruhigte ich ihn, „du musst lediglich deine Leute nach Arbon schicken, auch der Zeitplan kommt nicht durcheinander, wir brauchen bei dem vielen Wind gerade mal vier Stunden.“ Das Ablegemanöver fuhr ich mit den beiden Jungen, Günther saß schweigend im Salon und starrte auf das Schott, wo sein Geldkoffer unter der Ankerkette lag. „Was für einen Typen hast du denn da mitgebracht,“ fragte mich Tobias, der ältere der beiden. „Er hat sich an der Mitfahrerbörse beteiligt, ich habe ihn zuvor nie gesehen,“ war meine Antwort. „Wir segeln dein Schiff auch ohne ihn,“ war der kurze Kommentar des Jüngeren und damit war alles gesagt. Wir hatten Glück. Ein kaum böiger Wind wehte mit etwa fünf Beaufort aus Südwest, wir steckten ein Reff und rollten die Genua ganz aus, das Besansegel blieb aufgetucht. Mit sechs Knoten Fahrt segelten wir in der großen Flotte von sechsundzwanzig Booten Richtung Obersee, Richtung Schweiz. In der Höhe Fließhorn meinte Tobias, der steuerte: „Warum setzen wir eigentlich nicht den Spi, die anderen fahren uns ja weg.“ Er hatte recht, wir waren zu dritt und wenn uns das Segel in Fetzen ging, würde ich mir ein neues kaufen, schließlich wartete eine ganze Menge Kohle darauf, ausgegeben zu werden. Zusammen mit Karsten bereitete ich alles vor, dann zogen wir die bunte Blase in Lee der Genua hoch und rollten dann diese weg. Das sechzig Quadratmeter große, bunte Ballon – Vorsegel brachte gleich einen Knoten mehr Fahrt, die Schiffsbewegungen wurden allerdings erheblich unruhiger und Tobias hatte alle Hände voll zu tun, das Schiff auf Kurs zu halten. „Eine Jolle steuert sich doch anders, als dieser schwere Dampfer,“ sagte ich zu Tobias, und der erwiderte. „Ich bin die Radsteuerung nicht gewöhnt, aber im Zweifelsfall weiß ich ja, wo sich der Schalter des Autopiloten befindet.“ Ich kannte Tobias recht gut und wusste, dass er zuverlässig ist, obwohl er noch nie bei mir an Bord war. Trotz Spinnacker lagen wir im hinteren Mittelfeld und ich musste wieder einmal feststellen, dass ein Motorsegler keine Rennyacht ist. Günther lag mit geschlossenen Augen auf seiner Koje, den Grund konnte ich nur ahnen, ob es nur Stress war oder ob ihm die Schiffsbewegungen durch den Seegang zusetzten, letztendlich war es mir egal. In der Höhe Unteruhldingen lag, wie so oft der Zollkreuzer aus Konstanz. Ich hatte ein recht mulmiges Gefühl bei dem Gedanken, ein Zöllner würde zu uns an Bord kommen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Nervenkostüm meines Mitseglers Günther so stabil wäre, um nicht durch sein Verhalten aufzufallen. Kaum hatte ich an diesen gedacht, stürmte der nach oben und kotzte über die Reling. Da war ich beruhigt. Die Seekrankheit macht derartig apathisch, dass auch hypernervöse Typen ruhig und gleichgültig werden. Doch die Zöllner wollten nichts von uns wissen. Ich ging zum Schrank im Salon und holte vier Rettungswesten und verteilte sie an die Mitsegler. Bei dieser Gelegenheit öffnete ich das Pneumatische Ventil für die Verriegelung des Schotts zum Ankerkasten. Dann ging ich ins Vorschiff und blockierte die Arretierung der Ankerwinsch. Ein kurzer Druck auf den Schalter, nun war der Zugang zum großen Geld verschlossen. Zum Öffnen musste nun das Ventil im Schrank geschlossen und Druck auf die Hydraulik gegeben werden. Die Jungen wollten am Schweizer Ufer entlang segeln, doch ich bevorzugte die Seemitte, wo der Seegang höher war.
Günther lag im Salon auf dem Boden und hatte die Pütz im Arm und würgte immer wieder eine grüngelbe Flüssigkeit heraus. Ich konnte es den beiden Jungen ansehen, sie hatten keinerlei Mitleid mit dem Kranken und gönnten ihm die Kotzerei so richtig. Den Fährekurs hatten wir längst hinter uns gelassen und steuerten auf Romanshorn zu. Nur noch zwei weitere Schiffe hatten den Spi oben, so konnten wir doch ganz ordentlich mithalten. Die beiden Jungen wechselten sich am Ruder ab und ich fühlte, wie ihnen das alles richtig Spaß machte. Obwohl die Schlosskirche von Romanshorn mit bloßem Auge zu sehen war, wurde mit Kartenplotter und PC navigiert, was die beiden ebenfalls faszinierte. Wie es nun ist, wenn mehrere Segelboote denselben Kurs verfolgen, es wird daraus eine Regatta, jeder möchte schneller sein, als der andere. Zwei Brüder aus unserem Club hatten mit ihrer schnellen Rennyacht vom Typ 101 Aphrodite eine knappe Stunde nach uns abgelegt und wollten uns natürlich einholen. Sie hatten Vollzeug gesetzt und den Spinnacker oben. Mit dem Fernglas war gut zu erkennen, dass sie mitunter Schwierigkeiten hatten, ihr Schiff auf Kurs zu halten. Hinter Münsterlingen hatten sie uns überholt und lagen etwa eine halbe Meile vor uns. Ein heftiger Drücker erwischte uns und Tobias musste gewaltig am Rad drehen, um unser Schiff auf Kurs zu halten. Ein Blick auf die Windmessanlage bestätigte, wir fuhren zu viel Tuch. „Der Spi muss weg,“ schrie ich und rannte mit Karsten aufs Vorschiff. Dank Bergeschlauch war der Spinnacker schnell geborgen, da sahen wir mit Schrecken, wie sich die vor uns segelnde Yacht voll auf die Seite legte und in die Sonne schoss. Der Mast war oberhalb der zweiten Saling gebrochen, die Segel schlugen wild herum. Wir setzten eine kleinere Fock am inneren Stag und liefen noch immer mit gut sechs Knoten Fahrt in Richtung der havarierten Yacht. Zur Erhöhung der Manövrierfähigkeit ließ ich die Maschine mitlaufen. Als wir nahe genug waren, holten wir alle Tücher herunter und tasteten uns an das wild schaukelnde Schiff heran. Die beiden Brüder hatten inzwischen das Großsegel vom Baum gelöst und um den Mast gewickelt. Auch den Spi hatten sie geborgen und nahmen dankbar unsere Schleppleine auf. Langsam nahmen wir Fahrt auf und rollten gleichzeitig die Genua aus. Zwölfhundert Umdrehungen an der Maschine reichten, um eine Fahrt von viereinhalb Knoten zu erreichen. Schneller zu fahren wäre nicht möglich gewesen, das sonst das geschleppte Schiff unterschnitten hätte. Ein Rundblick zeigte, dass alle Schiffe unserer Flotte stark gerefft hatten, einige liefen mit blanken Masten, nur unter Maschine. Einen Spinnacker hatte keiner mehr oben. Wir quälten uns südostwärts und unser Bier wurde kräftig durchgeschüttelt. Günther lag noch immer auf dem Boden, wir wunderten uns, wie viel eklige, gallige Flüssigkeit ein Mensch aus sich heraus würgen kann. Nach Romanshorn wurde der Seegang schwächer und auch der Wind begann nachzulassen. Wir schleppten die motorlose 101 bis kurz vors Hafenloch, dann übergaben wir das Schiff an ein Schlauchboot Dingi mit Außenborder. Der Hafenmeister wies uns einen Platz nahe der Tankstelle zu und kurz darauf hatten wir festgemacht. Wie es immer so ist bei Seekranken, kaum lag das Schiff still und schaukelte nicht mehr, waren sie wieder topfit. So auch Günther. Aus den Augen der Jungen konnte man geringschätzige Verachtung lesen: So eine Flasche, kotzt auf dem Bodensee. Kurz sagte ich zu Günther: „Timing, wie verabredet.“ Wir wuchteten das Fass an Land und bald schon sprudelte das erste Bier. Thema eins war natürlich der abgewetterte Sturm und die Havarie der beiden Brüder. Wir bauten hinter der Hütte des Hafenmeisters unseren Grill für das Fest am Abend auf , dann machten wir uns alle auf zur Besichtigung des historischen Museums von Arbon. Ich verschloss das Schiff und erntete erstaunte Blicke der Jungen, von denen allerdings keiner etwas sagte. Günther war furchtbar nervös, den Grund wusste ich nicht und ehrlich gesagt, es interessierte mich auch nicht. Bis jetzt war alles nach Plan verlaufen, ich war sicher, Günther hatte seine Kumpane von der neuen Situation verständigt. Oder war er etwa deshalb nervös, weil er niemand erreicht hatte? „Rein spaßeshalber fragte ich ihn: „Sag mal, Günther, warum reißen wir uns die Kohle nicht gemeinsam unter den Nagel und verduften damit ins Ausland?“ Hätte ich ihm einen Schlag in den Unterleib verpasst, sein Gesichtsausdruck hätte nicht quälender sein können.
„Bist du wahnsinnig,“ keuchte er schreckensbleich, „daran darfst du nicht einmal denken, das würdest du nie überleben.“ „Na, na,“ klopfte ich auf den Busch, „übertreibe mal nicht, wenn dein Pass sauber ist, könnten wir in drei Stunden im Flugzeug sitzen, wer sollte uns da finden.“ Die stechenden Augen blickten mich flackernd an und er antwortete nur: „Vergiss das alles ganz schnell und begnüge dich mit deinem Anteil. Nochmals: Du würdest es nie überleben.“ „War auch nur Spaß,“ sagte ich doch er schaute mich todernst an und erwiderte: „Mit so was macht man keinen Spaß.“ Inzwischen war es Abend geworden, der Grill wurde angezündet und das zweite Fass Bier wartete darauf, angestochen zu werden. Wir verdrückten rasch zwei Würste und tranken einen Humpen Bier, dann schaute ich kurz auf die Uhr und sagte: „Verdammt, ich habe die Nationale noch draußen und die Gastflagge hängt auch noch unter der Saling,“ stand auf und ging zum Schiff. Günther folgte mir, wie ein treuer Hund. Ich nahm die Flaggen weg und wir gingen ins Schiff.
„O. K. Machen wir jetzt die Übergaben, dann geht es weiter, wie besprochen, pünktlich um 21:30 Uhr werde ich dich rausschmeissen, dann sehen wir uns nie wieder.“ sagte ich und dachte innerlich:
´oder im Knast.´ „Du hast den Schlüssel zum Waffenschrank,“ sagte ich und er holte den Doppelbartschlüssel aus seiner Hüfttasche und legte diesen auf den Salontisch. Inzwischen begann ich die herumliegenden Rettungswesten im Schrank zu versorgen und schloss dabei das Schließventil, dann ging ich zum Steuerstand und ließ die Hydraulikpumpe laufen.. Sofort spitzte Günther die Ohren. „Was ist das?“ fragte er erschrocken. „Das ist das Schließventil für das vordere Schott,“ sagte ich und wunderte mich, dass er nicht mehr wissen wollte. Ich öffnete die Klappe zum Ankerkasten und sah Günther erwartungsvoll an. Einer von uns beiden musste hoch aufs Vorschiff, um die Kette heraus zu ziehen, doch keiner wollte den anderen alleine lassen. „Versuchen wir unten umzuschichten,“ sagte ich. „Das ist ohnehin besser, wenn wir anfangen, die Kette raus zu ziehen, könnte jemand Verdacht schöpfen.“ Mühselig holten wir die Kette ins Vorschiff, bis der blaue Kasten zu sehen war. „Stop, sagte ich, „ jetzt bin ich dran. Ich nahm den Schlüssel vom Tisch, öffnete den Waffentresor und holte die beiden Briefumschläge heraus. Dann begann ich zu zählen. Hundertsechzig Tausendfrankenscheine glitten durch meine Finger, dann steckte ich das Geld in die Briefumschläge und steckte diese in die Tasche. „O.K., jetzt du“, sagte ich mit heiserer Stimme. Günther pulte den blauen Koffer unter der Kette vor und drückte ihn an seine Brust. „Willst du nicht nachsehen, ob alles da ist“ fragte ich. „Ich habe keinen Schlüssel und bei dem Versuch, das Schloss gewaltsam zu öffnen, würde der Koffer explodieren. Ich habe dir doch gesagt, dass man die Kohle nicht klauen kann.“ ´Mann oh Mann,´ dachte ich mir, ´da hast du dich wirklich mit Profis eingelassen.´ Und schon war ich mir nicht mehr sicher, ob ich meinen Anteil so einfach nach Hause tragen könnte. „Ich geh jetzt vom Schiff runter, du packst deine Sachen zusammen und in, “ ich sah auf die Uhr, „genau zwölf Minuten komme ich und schmeiss dich vom Schiff. Rauch inzwischen ein oder zwei Zigaretten, dass es auch schön stinkt.“ „Im Übrigen solltest du das mal lesen, ich habe alles aufgeschrieben, für den Fall, dass mir etwas passiert.“ Ich gab ihm den Report, den er schweigend las und mir mit den Worten zurückgab: „Keiner will dich bescheissen, wir sind froh, dass wir dich gefunden haben, es läuft alles nach Plan.“ Ich nahm ihm das Papier weg, drehte mich um und ging von Bord. „Wo bleibst du“, wurde ich von den Freunden vom Club gefragt, „bald ist Fass zwei leer.“ „Bin gleich wieder da, ich muss nur nachsehen, was mein bescheuerter Mitsegler so lange auf dem Schiff treibt.“ Und weg war ich. Pünktlich auf die Minute begann ich einen lautstarken Krach mit Günther und warf ihn wie vereinbart vom Schiff. Er nahm seine rote Tasche und verschwand zwischen den parkenden Autos. „Was soll der Krach,“ wurde ich von den herbeigeeilten Seglern gefragt. „Ich habe diesen Blödmann soeben zum Teufel gejagt, er wusste genau, dass ich Rauchen im Schiff nicht dulde, die ganze Bude ist verqualmt.“ Ich sah zustimmende und ablehnende Gesichter. „Jetzt brauche ich erst mal ein Bier, ich will nur erst die Bude lüften. Ich ging zurück ins Schiff, nahm die beiden Briefumschläge und klebte sie mir mit Tape an die Oberschenkel. Der Safe war mir zu unsicher. Ich ging zurück zum Fest und genehmigte mir ein Pils. Tobias und Karsten kamen auf mich zu. „Das war super, dass du den Arsch raus geschmissen hast, nächstes Mal schaust du dir die Typen vorher an, bevor du wieder einen mit nimmst.“ „Ihr habt ja soo recht,“ war meine Antwort. „Was haltet ihr eigentlich vom Segeln, der Wind bläst noch immer ganz ordentlich und hier ist es, wie jedes Jahr stinklangweilig.“ Ich sah bereits Zustimmung und setzte noch einen drauf.
„In zwei Stunden könnten wir in Lindau sein, da ist die ganze Nacht was los.“ Die beiden waren begeistert und wenige Minuten später musste ich bereits abwehren.
„Mehr als sechs Leute kann ich nicht mitnehmen, der Dampfer ist nur für sieben Personen zugelassen.“ Zehn Minuten später waren drei Jungen und drei Mädchen an Bord und im Eiltempo legten wir ab. Zuvor hatte ich mit dem Fahrtenleiter vereinbart, dass wir uns am Nachmittag des folgenden Tages in Langenargen treffen würden. Den Eltern der jungen Leute musste ich versprechen, aufzupassen und ihre Kinder wieder heil zurück zu bringen. Kaum waren wir aus der geschützten Bucht heraus, wurden wir vom Südwestwind ordentlich durchgeschüttelt. Kurz hinter der Hafenausfahrt waren die Segel oben; Reff eins im Groß, die Genua ein viertel eingerollt und den Besan ohne Reff. Wir liefen einen tiefen Raumschotkurs, die Schiffsbewegungen waren minimal.
Ich schickte drei nach unten, denn sieben Personen im Steuerhaus waren zu viel. „Wir wechseln stündlich,“ sagte ich, als ich die langen Gesichter sah. „Ihr könnt schlafen, lesen oder Fernsehen, alles ist kein Problem, nur geraucht wird hier nicht, selbst wenn es nach Zigarettenrauch stinkt.“
Ich erntete schallendes Gelächter. Ich machte noch eine genaue Einweisung für die drei im Steuerstand. „Wir segeln auf Backbordbug, hätten zwar so Wegerecht, mit Ausnahme gegen Schiffe mit grünem Licht. Obwohl wir nach Bodensee Schifffahrtsordung nur ein Rundumlicht im Masttopp fahren dürfen, werden wir mit Seitenlichtern und Toplicht fahren. Wir zeigen uns so als Segler, der unter Maschine fährt. Wir verlieren zwar so Wegerecht gegenüber Seglern, das soll uns aber nicht stören, wichtig ist, gesehen zu werden.“ „Auf dem Kurs nach Lindau haben wir keinerlei Hindernisse vor uns. Lediglich auf unbeleuchtete Fischerboote müsst ihr achten, die sieht unser Radar nicht. Wenn euch was nicht ganz klar ist, ruft mich bitte.“ „Und nun: Gute Wache.“ Damit verabschiedete ich mich und ging nach unten. Hier erwartete mich bereits eine Pokerrunde. Dieses Glücksspiel hatte durch das Fernsehen einen gewaltigen Aufschwung erfahren. „Kannst du pokern,“ wurde ich gefragt und als ich nickte und meinte: „Ich hoffe, ich weiß noch, wie es geht,“ wurde ich kurz eingewiesen und schon war ich in der Runde integriert. Die Regeln waren human, gespielt wurde um 10 Cent Stücke, wenn im Pott mehr als zwei Euronen lagen, wurde aufgedeckt. Um elf Uhr piepste mein Armbanduhrwecker. „Wachwechsel sagte ich.“ Ich ging nach oben und war überrascht über die Gewalt des Windes und das Heulen im Steuerhaus. Ein Blick auf die Windmessanlage: es waren satte sieben Windstärken, das Speedometer auf dem GPS zeigte 7,7 Knoten Fahrt. „Hat es etwas besonderes gegeben?“ wollte ich wissen. „Alles beim alten, außer drei Schiffen war nichts und die waren weit weg. Wir müssten so gegen halb zwölf beim Glockenschlagwerk sein, das ist unser Wegepunkt. Wir laufen Kurs 80°, der Speed liegt immer zwischen sieben und acht Knoten. Ich holte die anderen drei nach oben, wies sie genau ein und meinte dann: „Wir sind vermutlich noch vor zwölf Uhr in Lindau, wenn allerdings der Wind weiter zulegt, müssen wir was machen, wir laufen jetzt schon fast Rumpfgeschwindigkeit. Denkt daran, was gestern den Fallerbrüdern passiert ist, die Masten sollten schon oben bleiben. Ich schaute ein Weilchen zu und als ich sah, dass auch diese Gruppe das Schiff im Griff hatte, ging ich wieder nach unten und ließ mir meine Entscheidungen durch den Kopf gehen. Mein Schiff war mit der „101“ überhaupt nicht zu vergleichen, ich hatte kein Binnenrigg, mein Schiff war hochseetauglich und so übertrieben viel waren sieben Windstärken auch wieder nicht. Ich ging an den Herd und machte eine Kanne Kaffee, dann klinkte ich mich in die neue Pokerrunde ein. Um halb zwölf piepste die Uhr. Sofort war ich auf den Beinen und ging nach oben. Die Pokerrunde nahm nur wenig Notiz von mir. Das befeuerte Glockenschlagwerk vor Lindau war mit bloßem Auge gut zu erkennen, der leicht abnehmende Mond tauchte den See in ein wunderschön silbernes Licht. „Ist das nicht herrlich?“ wurde ich gefragt und ich konnte dies vorbehaltlos bestätigen. „Wir laufen nun etwas höher und nehmen dann hinter dem Schlagwerk die Tücher weg, da haben wir etwas Landabdeckung und werden nicht so durchgeschüttelt,“ sagte ich und wusste, dass weitere Anweisungen unnötig waren, die Crew war erfahren genug, um zu wissen, wie das Segelbergen abzulaufen hatte. Zwanzig Minuten später war es soweit, ich startete die Maschine, schaltete die Deckstrahler als Arbeitslicht ein und nach kurzer Zeit waren die Segel geborgen. Die Belegleinen wurden bereitgelegt, die Fender hängten wir außenbords, dann liefen wir in den Lindauer Bundesbahnhafen ein. Am mittleren Schwimmsteg sahen wir ein grünes Schild, welches uns einen freien Liegeplatz anzeigte. Das Anlegemanöver bereitete trotz Seitenwind keine Probleme und bald lag das Schiff fest. Die Crew wollte mir noch beim Legen des Stromkabels helfen, doch ich winkte ab. „Haut ab, das mach ich schon selbst, das Schiff bleib offen, ich trinke nur noch einen Cappucino, dann gehe ich in die Falle.“ „Willst du nicht mit uns..“ Ich winkte ab. „Für einen Discobesuch bin ich zu alt, amüsiert euch gut.“ Ich klarte das Schiff auf und ging von Bord. Mein Ziel war der Bundesbahnhof Lindau. Ich ging zur Toilette, schloss mich ein und entfernte die Klebebänder über den Briefumschlägen, die ich noch immer an den Oberschenkeln trug. Ich steckte alles in die Tasche, nahm den Report, den ich am Abend zuvor Günther lesen ließ, zerriss ihn in kleine Fetzen und spülte alles mir der Toilettenspülung nach unten. Dann ging ich zum Bahnhofvorplatz und nahm mir ein Taxi zum Bregenzer Bahnhof. In der Bahnhofshaupthalle steckte ich alles in ein offenes Schließfach das ich verriegelte, den Schlüssel klebte ich mir ans Bein, anschließend ging es wieder zurück nach Lindau. Ich ging zurück zum Schiff und legte mich zufrieden in die Koje. Schon um halb acht Uhr war ich wieder wach. Die Jungen lagen kreuz und quer im Schiff verteilt, es war ein malerischer Anblick.
Ich schlich mich leise von Bord und ging zur Post. Dort kaufte ich mir ein kleines Postpaket, packte den Schlüssel hinein und schickte das Päckchen an meine Schwägerin nach Augsburg. Anschließend ging ich zum Hafenmeister und zahlte die Liegegebühr, dann ging ich zufrieden zum Schiff zurück, alle Spuren waren verwischt. Die Jugend schlief immer noch selig, da klingelte mein Handy. Recht aufgeregt meldete sich unser Fahrtenleiter Ralf. „Sag mal Wolfgang, was ist mit euch los, heute morgen war die Polizei da und fragte nach dir und deinem Schiff.“ Ich musste erst einmal durchatmen.
„Wiso, was soll mit uns sein, wir liegen hier in Lindau im Hafen, die Jungen pennen noch. Weißt du, was die von mir wollen?“ fragte ich und hatte trotz aller Zuversicht leicht weiche Knie. „Keine Ahnung,“ meinte Ralf, „die kamen mit einem Zivilfahrzeug und waren ebenfalls nicht in Uniform.“
„Ich danke dir, ich werde mal in Arbon anrufen, wir treffen uns heute Nachmittag in Langenargen. Den Eltern kannst du ausrichten, ihre Kinder sind wohlauf und hatten während der Überfahrt einen Riesenspaß.“ Dann legte ich auf. Ich setzte mich in ein Kaffeehaus und grübelte. ´Was ist jetzt zu tun.?´ Es gab zwei Möglichkeiten: Waren die Polizisten echt, hätten sie sicher ihre Ausweise vorgezeigt. Das hatten sie nicht getan, somit waren es vermutlich Kumpane von Günther, aber was wollten die von mir? Höchstwahrscheinlich mein Geld, doch das war sicher, wie in Abrahams Schoß. Irgend etwas musste ich nun unternehmen? ´Pack den Stier bei den Hörnern,´dachte ich mir und ging schnurstracks zur Lindauer Polizei. „Was wollen Sie schon am frühen Morgen“, fragte mich der Beamte hinter seinem Schuss sicheren Schalter. „Ein Freund hat mich vorher aus der Schweiz angerufen und mir erzählt, die Arboner Polizei hätte heute morgen nach mir und meinem Schiff gefragt. Was soll ich jetzt machen?“ „Da muss ich meinen Kollegen fragen, warten Sie bitte hier.“ Ich setzte mich auf einen Stuhl, der Beamte verschwand. Wenig später tauchten zwei weitere Polizisten auf. „Kommen Sie bitte mit uns“ Wir stiegen zusammen ein Stockwerk höher, dann betraten wir ein muffiges, spärlich möbliertes Zimmer. Ein Schreibisch mit Computer, ein Aktenschrank und zwei Stühle. Das war alles. „Dann wollen wir mal alles ausführlich erzählen,“ meinte der eine Beamte, was wollen die Schweizer von Ihnen?“ „Ich hab keine Ahnung,“ war meine Antwort. „Bevor wir hier ein riesiges Protokoll verfassen, rufen wir am Besten in der Schweiz an.“ sagte der Jüngere der beiden. „Haben Sie ein Handy?“ Ich schaute den Mann fragend an und der antwortete süffisant grinsend: „Wir dürfen von unserer Dienststelle aus nicht ohne Genehmigung eines Vorgesetzten in die Schweiz telefonieren, deshalb fragte ich Sie nach Ihrem Handy. Ich werde mich kurz fassen und das vereinfacht das Prozedere erheblich.“ „Meinetwegen, wahrscheinlich haben Sie recht, hier ist mein Handy.“ Ich griff in meine rechte Hosentasche und reichte ihm das Gerät. Der andere Beamte hatte zwischenzeitlich die Rufnummer des Arboner Polizeipostens heraus gesucht und ich wartete gespannt, was das Gespräch mit den Schweizern ergeben würde. „Was,“ fragte der Polizist, „sind Sie sicher? Danke für die Auskunft, auf wiederhören.“ Er wandte sich an mich. „Wollen Sie uns auf den Arm nehmen? die Schweizer wissen von nichts.“ „Das ist aber eigenartig, sagte ich, unser Fahrtenleiter sagte mir am Telefon, die Arboner Polizei hätte sich nach mir erkundigt.“ „Wenn ich es ihnen sage, das ist eine Ente“, meinte der Mann verärgert. „Ich entschuldige mich in aller Form bei Ihnen, auf Wiedersehen.“ Ich stand auf und wollte gehen, da sagte er: „Ein kleines Protokoll müssen wir schon machen, das ist der Dienstweg, das ist nun mal so.“ Er setzte sich an seinen Schreibtisch, nahm meine Personalien auf und schrieb flüssig seinen Bericht in einen Computer. „Lesen Sie alles erst auf dem Bildschirm, wir müssen auch am Papier sparen,“ meinte der Mann verdrießlich. Ich las den Report kurz durch und nickte mit dem Kopf. „O.K., drucken Sie´s aus,“ und wenig später kam der Bogen aus dem Printer. Ich unterschrieb das Papier, dann konnte ich gehen. Auf dem Weg zurück zum Schiff wäre ich ums Haar in ein Auto gelaufen, immer wieder fragte ich mich, wer und warum in Arbon nach mir gefragt wurde. Ich kam zu dem Schluss, dass es nur die Kumpane von Günther gewesen sein konnten. Aber Warum? Ich war froh, die Jungen zu dem Nachttörn überredet zu haben, in der Schweiz hätte ich mich nicht sicher fühlen können. Im Schiff war niemand, auf dem Salontisch lag ein Zettel: Wir sind frühstücken und um halb zehn zurück. Ich klarte das Schiff auf und genehmigte mir ebenfalls ein schmales Frühstück: Eine Tasse Kaffee und ein Marmeladenbrot war alles, was ich in mich hinein würgte. Die Jungen waren pünktlich, wir machten das Schiff segelklar und legten ab. Die Sturmwarnfeuer hatten aufgehört zu blinken, trotzdem wehte ein Südwind mit vier Beaufort. Wir setzten Vollzeug und liefen hoch am Wind Richtung Hard, mussten jedoch später immer mehr abfallen, da sich wieder der Südwest durchsetzte. Wir erreichten am frühen Nachmittag die Marina Ultramarin zwischen Kressbronn und Langenargen, es war die größte Hafenanlage am Bodensee mit 1400 Liegeplätzen. Der Großteil der Flotte war schon im Hafen, die sechseinhalb Seemeilen hatte die meisten in einer starken Stunde abgesegelt. Wir fanden einen freien Liegeplatz an einem Schwimmsteg und gingen alle erst einmal duschen. Die Jungen gingen zurück zu den Schiffen ihrer Eltern, nicht ohne sich zuvor ausführlich für die tolle Nachtfahrt bedankt zu haben: „Wenn du wieder so was ähnliches planst, sag es uns bitte, wir sind gerne wieder dabei.“ meinte Tobias, „die anderen waren, wie ich richtig begeistert. Schade, dass unsere Eltern keine Nachtfahrten machen, deshalb kommen wir zu dir. Und nochmals vielen Dank.“ Na das war doch mal ein Lob von eingefleischten Jollenseglern. Ich ging zum Hafenmeister und zahlte für die Übernachtung, dann setzte ich mich auf die Terrasse von Ultramarin und genehmigte mir ein Bier. Ich brauchte nicht lange zu warten, da hatte ich Gesellschaft von den Sipplinger Fahrtenseglern. „Sag mal, was war das mit der Polizei in Arbon,“ fragte mich Ralf und ich antwortete nicht ganz wahrheitsgemäß:
„Du, ich hab keine Ahnung, ich bin in Lindau zur Polizei gegangen, die haben in Arbon angerufen und die wussten auch nichts von der Geschichte.“ „Komisch“, meinte Ralf „gestern war doch nicht der erste April“ und ich sah ihm an, dass er mir nicht ganz glaubte. Das Hauptthema der Gespräche handelte sich danach um die Sturmfahrt und unseren Nachttörn nach Lindau.
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